Darum hat Deutschland die Nase vorn

August 09, 2017

Hermann Simon sieht noch großes Potential für weitere deutsche "Hidden Champions"

Hermann Simon sieht noch großes Potential für weitere deutsche "Hidden Champions"
(Dieser Artikel ist am 7. August 2017 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung erschienen. Autor: Georg Giersberg)

Deutschlands Stärke sind die heimlichen Weltmarktführer. Sie bilden auch in Zukunft eine solide Basis der deutschen Wirtschaft - Digitalisierung hin, Globalisierung her. Davon jedenfalls ist der Wissenschaftler und Unternehmer Hermann Simon überzeugt. Er machte die unbekannten Weltmarktführer unter dem Titel "Hidden Champions" bekannt. Sie setzen weniger als fünf Milliarden Euro im Jahr um und sind global mindestens die Nummer drei auf ihrem Markt. Davon gibt es fast 3000 auf der Welt, mehr als 1300 haben ihren Sitz in Deutschland. Damit hat Deutschland nach Simons Berechnungen bei den unbekannten Weltmarktführern einen Marktanteil von fast 50 Prozent - bei einem Anteil von gut einem Prozent an der Weltbevölkerung.

Die Welt hat sich in den vergangenen dreißig Jahren geändert. Neue Aspekte wie Digitalisierung und Globalisierung treten heute in den Vordergrund und verändern viele Branchen. Simon erkennt an, dass "der Zug auf dem Consumermarkt abgefahren ist". Hier dominieren heute amerikanische Großkonzerne die globalen Märkte, mit Ausnahme Chinas. "In China entsteht eine zweite wirtschaftliche Weltmacht", ist Simon überzeugt. "In China sehe ich im industriellen Bereich künftig die größere Konkurrenz für Deutschland als in den Vereinigten Staaten", resümiert Simon aus seinen vielen Auslandsaufenthalten und fügt hinzu, dass China aber seiner Ansicht nach keine Gefahr darstelle. China zeige sich immer kooperativer, sagt er mit Hinweis auf jüngste Übernahmen deutscher Unternehmen durch chinesische Investoren.

In der industriellen Welt werde auch nach der Digitalisierung - im Gegensatz zur Welt der Verbraucher - kein Land dominieren. Im industriellen Internet liege auch Deutschlands Zukunft. Drei Gründe führt Simon an, warum unsere Chancen hier besonders hoch sind. Erstens handele es sich um Nischenmärkte, die für viele große Internetunternehmen zu klein seien. "Apple wird sich um keinen Markt kümmern, der nur wenige Milliarden Euro groß ist", glaubt Simon. Zweitens kennen deutsche Anbieter industrielle Prozesse wie kaum andere Anbieter.

Das liegt daran, dass es hierzulande noch immer einen hohen Anteil an industrieller Produktion gibt und dass Deutschland auch schon heute der größte Industrieausrüster der Welt ist mit seiner Automatisierungstechnik. Industrielle Fertigungsprozesse seien sehr viel komplizierter als Konsumprozesse. "Einen Dieselmotor zu bauen ist komplexer als eine Logistik in einem Amazon-Logistikcenter", macht Simon seine These plastisch. Der dritte Grund für die gute Ausgangslage deutscher Unternehmen für den Aufbruch in die digital vernetze Produktion (Industrie 4.0) sieht Simon darin, dass industrielles Fertigungwissen sehr viel spezifischer ist als Wissen über Verbraucherverhalten und dass es nicht öffentlich zugänglich ist. Um an Wissen über bestimmte Fertigungsprozesse heranzukommen, muss man Teil der Branche sein oder Unternehmen aus der Branche kaufen.

Simon ist aber auch bei allgemeineren Themen zuversichtlich für den Standort Deutschland. Zum "Autonomen Fahren" seien zwischen 2010 und Ende 2016 international 2828 Patente angemeldet worden, von denen mit 1646 immerhin 58 Prozent aus Deutschland gekommen seien. Der amerikanische Elektroautohersteller Tesla, so Simon, "ist nicht einmal unter den zehn Unternehmen mit den meisten Patentanmeldungen". Er sehe daher Deutschland auch beim autonomen Fahren "klar führend". Dass die öffentliche Wahrnehmung oft eine andere sei, liege daran, dass Tesla über jede seiner Aktionen gleich öffentlich berichte, während deutsche Unternehmen über ihre Entwicklungsergebnisse meist schweigen, vor allem so lange, bis es zu einem marktreifen Produkt gekommen ist. Dass Deutschland nicht hinterherhinke, erkenne man auch am hohen Anteil deutscher Teile im Tesla. Die Übernahme deutscher Zulieferer wie Grohmann in der Eifel zeige, "dass Tesla nicht unerheblich ein deutsches Auto ist".

Deutschland sei auch nicht nur in traditioneller Technik führend. Immer wieder gebe es Unternehmen zu entdecken, die neu in die Liga der globalen Hidden Champions vorrücken. Simon nennt das Softwarehaus Teamviewer, dessen Fernwartungs-Software auf mehr als 1,4 Milliarden Geräten auf der ganzen Welt installiert sei. Er nennt das 100 Jahre alte Münchener Unternehmen Arri, der heute global größte Hersteller von Digitalkameras, oder Volocopter aus Bruchsal bei Karlsruhe, der den ersten elektrischen Hubschrauber der Welt entwickelt hat.

Deutschland habe einige klassische Vorteile gegenüber anderen Standorten auf der Welt wie die duale Ausbildung oder die guten Ingenieur-Hochschulen. Aber es habe auch für die Globalisierung einen exklusiven Vorteil: "In der globalen Präsenz ist Deutschland allen anderen Ländern auf der Welt voraus", ist Simon überzeugt. Das beginne mit den guten Englischkenntnissen der Schulabsolventen, reiche über die zahlreichen Auslandsaufenthalte der jungen Deutschen und ende bei zahlreichen beruflichen und privaten Auslandserfahrungen. Bei seinen Besuchen in anderen Ländern begegne er immer wieder vielen Menschen, die nie im Ausland waren, gerade auch in den Vereinigten Staaten.

Aber selbst für den ganz klassischen Export deutscher Produkte sieht Simon noch erhebliches Wachstumspotential. "Heute ist der deutsche Export allein nach Schweden höher als auf den ganzen afrikanischen Kontinent, obwohl dort fast einhundertmal so viele Menschen leben wie in dem skandinavischen Land." Das Potential sei riesig, wenn wir auch unsere Märkte für afrikanische Produkte öffnen, "was schon notwendig ist, um zu verhindern, dass sich weitere Millionen Afrikaner auf die Flucht nach Europa machen."

"Ich bin für die deutsche Wirtschaft insgesamt sehr optimistisch", sagt Simon. Daran werde auch die Wirtschaftspolitik Trumps oder der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (Brexit) nichts ändern. "Solche Entwicklungen können den Trend verlangsamen, aber nicht brechen", ist Simon überzeugt. Deutschland werde von der Entwicklung zur digital vernetzten Welt profitieren, wenn es notwendige Veränderungen schnell genug umsetze, die hohen Investitionen in Forschung und Entwicklung möglichst noch steigere und die Chancen der individuellen Fertigung durch Industrie 4.0 beherzt annehme. Wenn man das mit den schon bestehenden Standortvorteilen, der hohen Qualität der Produkte und der hohen Produktivität der Fertigung verbinde, sei ihm um die Zukunft der deutschen Wirtschaft nicht bange.

(© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv)

 

 

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