Automobilstudie: „Bis neue Mobilitätskonzepte auf deutschen Straßen etabliert sind, wird es noch einige Jahre dauern“

October 14, 2019

future of automobiles

Technische Entwicklungen, rechtliche Rahmenbedingungen und veränderte Kundenbedürfnisse: Die Automobilbranche befindet sich wie nie zuvor im Umbruch. Doch wohin geht die Fahrt? Das haben wir unsere Automotive-Experten Antoine Weill und Matthias Riemer gefragt.

Antoine, warum ist es wichtig zu wissen, was für Autokäufer und -fahrer relevant ist

Antoine Weill: Diese Erkenntnisse haben natürlich enormen Wert für viele unserer Kunden. Ob Händler, Zulieferer oder Hersteller: Sie alle sind letztendlich davon abhängig, was der Endkunde gerne fahren möchte. Deshalb haben wir diese befragt. Im Rahmen unserer neuen Automobilstudie haben mehr als 1.000 deutsche Autokunden, die ein Auto neu oder gebraucht bar gekauft, finanziert oder geleast haben und ihr Fahrzeug mindestens alle zwei Wochen benutzen, im März 2019 an einer Online-Umfrage teilgenommen.

Welche Themen standen in der Studie im Fokus?

Matthias Riemer: Wir haben die Teilnehmer zu zwei großen Themenfeldern befragt: Ihren Produkt- und Kaufpräferenzen sowie ihrer Einstellung zu neuen Mobilitätskonzepten. Dabei waren die Erkenntnisse teilweise nicht sehr überraschend. Es gaben zwar 63 Prozent an, dass sie bereit sind, mehr für ein umweltschonendes Fahrzeug zu bezahlen oder dafür bei der Ausstattung einen Kompromiss einzugehen. Aber wenn sie sich entscheiden müssten, ist der Preis dann doch das wichtigste Kaufkriterium, gefolgt von Sicherheit und Verbrauch. Die Höhe der CO²-Emissionen landete abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Der Fokus vieler Autokäufer hinsichtlich des CO²- Verbrauchs liegt also stärker auf der Ersparnis als dem Umweltschutz. Darüber müssen sich Autohersteller im Klaren sein.

Gab es weitere Erkenntnisse, die für die Produktion relevant sind?

Antoine Weill: Selbstverständlich. Wir haben die Studienteilnehmer zum Beispiel auch nach ihren Vorlieben hinsichtlich Services wie automatischen Parkassistenten, dem Echtzeitempfang von Verkehrsinformationen oder automatischen Pannenhilfen interviewt. Diese finden Autofahrer durchaus nützlich, vor allem wenn sie der Sicherheit dienen. Allerdings sind sie vom autoeigenen System nur gewünscht, wenn es nichts Vergleichbares auf dem eigenen Smartphone gibt. Für Apps, Video- oder Musik-Streaming wollen Kunden lieber das eigene Handy nutzen, am besten nahtlos ins Fahrzeug integriert. Die richtigen Schnittstellen zu bieten ist also wichtiger als eigene Lösungen zu entwickeln.

Und für Händler, worauf müssen sie künftig besonders achten?

Matthias Riemer: Hier konnten wir eine interessante Entwicklung beobachten: Immer mehr Kunden sind einem Autokauf im Internet gegenüber aufgeschlossen. So haben 27 Prozent angegeben, dass sie sich einen Kauf online beim Hersteller und 28 Prozent über einen Drittanbieter vorstellen könnten. Und das wird noch zunehmen – schon jetzt informieren sich die meisten auf verschiedenen (auch herstellerunabhängigen) Websites vor einem Autokauf. Um hier die Informationshoheit zu behalten, brauchen Händler eine holistische Omni-Channel-Strategie.

Antoine Weill: Ein großes Thema für Autohändler sind natürlich immer auch Rabatte. Die werden tatsächlich von den meisten Kunden erwartet. Die gute Nachricht: Das muss nicht immer unbedingt ein niedrigerer Preis sein. Eine Garantieverlängerung schätzen Kunden sogar mehr als einen monetären Nachlass. Da solche alternativen Rabattformen für Händler noch weitere attraktive Möglichkeiten (etwa zu besserer, langfristiger Kundenbindung) bereithalten, ist das ein guter Ansatzpunkt, die bisherige Strategie zu überdenken. Und wenn wir schon beim Pricing sind: Neue Preis-Modelle werden für die Branche immer interessanter. Mehr und mehr Hersteller experimentieren etwa mit Subscription-Modellen. Jedoch ist das Interesse der Kunden an solchen Auto-Abos noch begrenzt; nur ein Drittel wäre bereit, dafür mehr als für ihr aktuelles Fahrzeug zu bezahlen. 50 Prozent der Interessenten erwarten sogar, dass es im Abo günstiger wird.

Der zweite große Themenblock befasste sich mit neuen Mobilitätskonzepten. Was kam hier heraus?

Matthias Riemer: Wir haben die Studienteilnehmer nach ihren Verhaltensweisen und Wünschen etwa hinsichtlich autonomem Fahren oder elektrisch betrieben Autos befragt. Im Alltag sind deutsche Autofahrer hier noch recht zurückhaltend: Zwar können sich 24 Prozent den Kauf eines Elektrofahrzeugs vorstellen, bei Hybrid-Fahrzeugen sind es sogar 40 Prozent. Jedoch waren auch dabei Preis sowie Reichweite die wichtigsten Auswahlkriterien; und hier schneiden existierende Angebote eher schlecht ab. Zudem bewerten mehr als 60 Prozent der Kunden die verfügbare Ladeinfrastruktur negativ. Das hält in der Praxis viele von E-Autos ab. 

Sind deutsche Autofahrer autonomem Fahren gegenüber aufgeschlossener?

Antoine Weill: Auch hier ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten. In unserer Studie hielten 42 Prozent autonomes Fahren für unattraktiv. Auch den Entwicklungszeitraum sehen die Teilnehmer eher konservativ: Hochautomatisiertes Fahren, bei dem sich der Fahrer vorübergehend vom Verkehr abwenden kann, wird von mehr als der Hälfte der Kunden in den nächsten fünf Jahren erwartet. Vollautomatisiertes und autonomes Fahren erwarten sie aber erst nach den Jahren 2030 oder 2050. 

Matthias Riemer: Und deutsche Autokunden wollen offensichtlich nicht nur selbst, sondern auch im eigenen Auto fahren: Knapp 70 Prozent könnten sich nicht vorstellen, für urbanes Car-Sharing (wie etwa Car2go) das eigene Auto aufzugeben. Und andere Varianten sind überwiegend unbekannt. In der Studie wussten zwar 48 bzw. 45 Prozent der Befragten, dass urbanes Car-Sharing und private Mitfahrgelegenheiten (zum Beispiel blablacar) existieren. Dass es auch noch das innovative Modell des privaten Car-Sharings wie drivy oder snappcar gibt, wusste nur jeder Fünfte. Bis sich solche Mobilitätskonzepte also auf deutschen Straßen etabliert haben, wird es noch einige Jahre dauern und großen Einsatz der gesamten Automobilbranche benötigen.