Elbphilharmonie, BER und Co: Warum öffentliche Großprojekte zu Millionengräbern werden

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Unternehmen aus dem Bausektor stehen unter einem immensen Preisdruck – über die Hälfte sieht sich laut der Global Pricing Study 2016 sogar in einem Preiskrieg. Die Folge: Unrealistische Kalkulationen führen insbesondere bei Großprojekten zu Kostenexplosionen und Verspätungen. Dabei wäre die Lösung einfach.

Bonn/Frankfurt – Rund neuneinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung ist der Bau der Elbphilharmonie offiziell abgeschlossen – mit rund sechs Jahren Verspätung und zehn Mal so hohen Kosten wie ursprünglich kalkuliert. Damit steht das Hamburger Prestigeobjekt in Deutschland aber mitnichten alleine da. „Die geringe Halbwertszeit der ursprünglich gemachten Kalkulationen kommt nicht von ungefähr“, sagt Dr. Dirk Schmidt-Gallas, Member of the Board bei Simon-Kucher & Partners. „Das ist in Deutschland mittlerweile notorisch.“ Denn hoher Preisdruck und eine fragwürdige Vergabepraxis sorgen regelmäßig für massive Verzögerungen und Kosteneskalationen bei öffentlichen Bauprojekten.

Wie stark der Preisdruck in der Baubranche ist, zeigt die Global Pricing Study 2016* von Simon-Kucher & Partners. An der Studie haben 2.200 Manager aus leitenden Positionen von Unternehmen aller Branchen aus mehr als 40 Ländern teilgenommen – 188 davon aus dem Bausektor. Das Ergebnis: Acht von zehn Unternehmen aus dem Bausektor (82 Prozent) geben an, dass der Preisdruck in den vergangenen zwei Jahren gestiegen ist. Als Hauptgrund dafür sehen die Manager den Wettbewerb mit Niedrigpreisanbietern (75 Prozent). Zum Vergleich: Über alle Branchen hinweg ist das nur für 60 Prozent der Befragten die Ursache für höheren Preisdruck.

Über die Hälfte der Befragten befindet sich nach eigenen Angaben sogar in einem Preiskrieg (Baubranche: 55 Prozent, Durchschnitt über alle Branchen: 49 Prozent). „Der Wettbewerb im Bausektor erreicht eine kritische Dimension“, so Sebastian Strasmann, Bauexperte und Partner bei Simon-Kucher. „Von einem Preiskrieg profitiert niemand. Die Unternehmen und der Gesetzgeber müssen jetzt dagegen steuern und dafür sorgen, dass die Lage nicht noch weiter eskaliert.“

Die Politik erzwingt geschönte Kalkulationen – und zahlt am Ende drauf

Eine maßgebliche Rolle bei der kritischen Lage bei Großprojekten spielt das Vergaberecht. Es kommt zum Tragen, wenn in Deutschland ein Bauprojekt mit Steuergeldern finanziert wird. Das komplexe Regelwerk schreibt vor: Das billigste Angebot erhält den Zuschlag. Was auf den ersten Blick sinnvoll erscheint, offenbart sich bei näherem Hinsehen oft als fatal. Denn die Politik erzwingt durch den Spardruck bei den Ausschreibungsangeboten extrem optimistische Kalkulationen, die sich später bei der Umsetzung regelmäßig als unrealistisch erweisen. „Die horrenden Kostensteigerungen werden durch das Vergaberecht und den vorherrschenden Preisdruck regelrecht erzwungen“, erläutert Strasmann. „Die Lösung ist an sich einfach: Das wirtschaftlichste und nicht das günstigste Angebot müsste den Zuschlag erhalten.“

Es geht auch anders: Vorbild Schweiz

Im Klartext heißt das: Die Auftraggeber müssen auch berücksichtigen, wie teuer ein Stillstand auf der Baustelle oder die Verzögerung des Projekts wird. Denn gerade dann, wenn Bauabläufe gestört sind, sprengen die Kosten besonders schnell den Rahmen – und das stets zu Lasten der öffentlichen Bauherren und somit der Steuerzahler.

Wie es besser geht, beweisst die Schweiz: Am 1. Juni wurde der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel nach 17 Jahren Bauzeit eingeweiht – ein Jahr früher als geplant. Hinzu kommt, dass die Gesamtkosten den ursprünglich kalkulierten Kostenrahmen kaum überschritten. „Eine wichtige Rolle spielt die Art der Auftragsvergabe bei Großprojekten“, sagt Schmidt-Gallas. „In der Schweiz erhält das wirtschaftlich günstigste Angebot den Zuschlag. Das heißt aber nicht, dass zwangsläufig das preislich am günstigste Angebot zum Zug kommt.“ Vielmehr werden neben dem Preis weitere Kriterien wie Qualität, Wirtschaftlichkeit, Kundendienst oder auch Umweltverträglichkeit berücksichtigt. Auch die transparente Verfahrensgestaltung gehört zum Kern des schweizerischen Vergaberechts. „Das macht die Schweiz in Sachen Vergabe bei Großprojekten zu einem echten Vorbild“, fasst Dr. Schmidt-Gallas zusammen.

 

Eine Zusammenfassung der Global Pricing Study 2016 sowie die Sonderauswertung der Baubranche sind auf Anfrage erhältlich.

 

*Über die Global Pricing Study 2016: Simon-Kucher & Partners befragt alle zwei Jahre mehrere tausend Unternehmen über ihre Preissetzungsstrategien, Preisdruck und Wettbewerbsumfeld. Diese Studie ist in ihrem Zuschnitt einzigartig. An der Pricing Study 2016 haben sich insgesamt 2.186 Unternehmen aus über 40 Ländern und 25 Branchen beteiligt, davon 758 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Studie wurde im Frühjahr 2016 durchgeführt.

Simon-Kucher & Partners, Strategy & Marketing Consultants: Die Beratungsarbeit von Simon-Kucher & Partners ist ganz auf TopLine Power® ausgerichtet. Laut mehrerer Studien unter deutschen Top-Managern (manager magazin, Wirtschaftswoche, brand eins) ist Simon-Kucher bester Marketing- und Vertriebsberater und führend im Bereich Pricing und Wertsteigerung. Die Unternehmensberatung ist mit 930 Mitarbeitern in 33 Büros weltweit vertreten.