Press Release

Auswirkungen der Leitzinserhöhung vom 11. Juni 2026: Geht der Wettbewerb um Kundeneinlagen im deutschen Bankensektor in die Verlängerung?

Zum ersten Mal seit einem Jahr hat die Europäische Zentralbank (EZB) auf der heutigen Pressekonferenz eine Anpassung der allgemein als „Leitzinsen“ bezeichneten Geldmarktsätze verkündet. Anders als noch zum Jahresende 2025 für das Jahr 2026 erwartet, ging es dabei allerdings um 0,25 Prozent nach oben und nicht nach unten. Damit zog die EZB erste Konsequenzen aus den veränderten Inflationserwartungen als Folge des seit Februar anhaltenden Iran-Konflikts. Mindestens eine weitere Zinserhöhung im Laufe des Jahres 2026 gilt als das wahrscheinlichste Szenario, sofern man die aktuellen Marktpreise für Termingeschäfte am Anleihemarkt als Indikator heranzieht. 

Bekanntlich gehen von Anpassungen der „Leitzinsen“ meist große Wirkungen auf den Bankensektor aus. Dr. Steven Kiefer, Hendrik Tacke und Jonathan Schöck von der globalen Strategieberatung Simon-Kucher ordnen ein, warum Banken und Sparkassen im Zusammenhang mit dem heutigen Zinsentscheid ein besonderes Augenmerk auf das Einlagengeschäft mit Sparern legen sollten. 

Frankfurt, 11. Juni 2026 – Im Gegensatz zur extremen Null- und Negativzinsphase zwischen 2016 und 2021 zählt das Einlagengeschäft – insbesondere für traditionell im Kundengeschäft stark vertretene Sparkassen und Genossenschaftsbanken – wieder zu den tragenden Säulen des eigenen Geschäfts- und Ertragsmodells. Steigt das Leitzinsniveau, geraten daher häufig genau diese beiden Bankengruppen in den Fokus des Wettbewerbs und mit offensiven Zinsangeboten konfrontiert. Entscheidend für die Beantwortung, ob etablierte Marktführer ihre Bestände verteidigen oder neue Wettbewerber bzw. Herausforderer erfolgreich Marktanteile gewinnen können, ist das Verhalten von Sparern. 

Empirische Erkenntnisse zur Reaktion von Sparern auf Zinsveränderungen

Die Einlagenfazilität der EZB liegt mit dem heutigen Tag bei 2,25 Prozent und damit auf einem vergleichbaren Wert wie zu Beginn des Jahres 2023. Die inzwischen vorliegende Datenlage zeigt, dass Sparer gerade in der Phase steigender Zinsen zwischen 2023 und 2024 teils stark auf die Veränderungen der Zinslandschaft reagieren. Sie schichteten entweder Einlagen innerhalb einer bereits vorhandenen Bankverbindung in höher verzinste Produkte um oder transferierten sie zu neu begründeten Bankbeziehungen, um von „Lockangeboten“ zu profitieren. Während dieser Phase mussten besonders Regionalbanken Marktanteilsverluste im Einlagengeschäft hinnehmen.

In den vergangenen vier Jahren seit Beendigung der Niedrigzinsphase haben wir bei Simon-Kucher in mehreren empirischen Studien das Verhalten von Sparern auf Zinsveränderungen untersucht. Dabei konnte über mehrere Studien immer wieder bestätigt werden, dass es nicht nur die relativen Zinsabstände zwischen Produkten bzw. Wettbewerbern, sondern insbesondere das absolute Zinsniveau das Nachfrageverhalten bestimmt.

Wenn Sparer das allgemeine Zinsniveau für klassische Sparprodukte wie z. B. Tagesgelder abseits von Aktionsangeboten tendenziell unter 1,5 Prozent wahrnehmen, ist ihre Wechsel- bzw. Umschichtungsbereitschaft selbst bei entstehenden Zinsabständen im Wettbewerb eher gering. Vielen Sparern ist das absolute Zinsniveau schlicht zu gering, als dass sie den Aufwand einer tieferen Auseinandersetzung mit Anlagealternativen als lohnenswert ansehen würden.

Völlig anders hingegen verläuft die Nachfragereaktion im wahrgenommenen Zinskorridor zwischen 1,5 und ca. 3,0 Prozent. Innerhalb dieses Korridors lassen sich einige Zinsschwellen identifizieren, bei denen die Umschichtungs- und Wechselbereitschaft sprunghaft ansteigt. Die mit Abstand wichtigste Zinsschwelle kann dabei bei 3,0 Prozent lokalisiert werden. 

Wie relevant diese Zinsschwellen sind, zeigt die jüngere Historie eindrucksvoll. Ebenso wie in den vergangenen zwölf Monaten lag die Einlagenfazilität der EZB – welche das „wahrgenommene“ Zinsniveau vieler Sparer im hohen Maß beeinflusst – zum Ende des Jahres 2022 bei 2,0 Prozent. Typische Aktionsangebote mit zeitlicher Befristung, etwa für Tagesgelder, lagen entsprechend nahe an diesem Zinssatz bzw. in Teilen auch darüber. So gelang es der ING beispielsweise im zweiten Halbjahr 2022 mit ihrem Aktionsangebot nach eigener Pressemitteilung, ca. 4,4 Mrd. Einlagen neu einzuwerben. Im Laufe des ersten Halbjahres 2023 hingegen wurden seitens der EZB gleich mehrere Wahrnehmungsschwellen überschritten. So erfolgte im Februar 2023 eine Anhebung auf 2,5 Prozent gefolgt von einer Tangierung der relevantesten Preisschwelle von 3,0 Prozent einen Monat später. Im Gleichschritt mit dieser Entwicklung hob auch die ING die Konditionen ihres Aktionsangebots auf ebenfalls 3,0 Prozent an. Im Ergebnis erhöhten sich die Einlagengewinne der EZB im ersten Halbjahr des Jahres 2023 gegenüber dem zweiten Halbjahr 2022 um den Faktor fünf. Den 4,4 Mrd. im zweiten Halbjahr 2022 stehen etwa 24 Mrd. im ersten Halbjahr 2023 gegenüber. 

Einordnung des heutigen Zinsentscheids

Entsprechend der vorliegenden Erkenntnisse zum Reaktionsverhalten von Sparern kommt dem heutigen Zinsentscheid eine besondere Bedeutung zu. Dieser Zinsschritt fand exakt am Übergangsbereich der „trägen“ (unelastischen) und der besonders „reagiblen“ (elastischen) Zone statt. Dabei konnte in der letzten Phase des sehr intensiven Einlagenwettbewerbs zwischen 2023 und 2024 stets das folgende Muster beobachtet werden. Zunächst antizipieren die Zinsmärkte weitere Zinsschritte der Zentralbank. Das veranlasst auf Akquisition ausgerichtete Wettbewerber, ihre Zinskonditionen zu erhöhen bzw. Aktionsangebote einzuführen. Kommt es dann tatsächlich zu einer Zinserhöhung der Zentralbank, führt diese zur notwendigen Aufmerksamkeit auf Seiten der Sparer, in deren Folge die entsprechenden Verhaltensreaktionen auch tatsächlich eintreten und Marktanteile neu verteilt werden.

Genau dieses Muster ließ sich auch im Vorfeld des heutigen Zinsentscheids beobachten. Bereits seit Wochen nahm die sogenannte Zinsstrukturkurve einen besonders steilen Verlauf ein und antizipierte damit bereits den heute vollzogenen Zinsschritt. In der Konsequenz häuften sich wieder Aktionsangebote im Bereich Tages- und Festgelder. Die Speerspitze dieser Aktionsangebote stellt gegenwärtig das Angebot einer 4-prozentigen Verzinsung im Tagesgeld dar, welches mit dem Markteintritt von JP Morgan in den deutschen Bankenmarkt verbunden ist. Dieses Angebot wurde zwischenzeitlich auch schon von ersten Banken, exemplarisch der zum Deutsche Bank Konzern gehörenden Norisbank, gekontert. Mit der heute vollzogenen Zinsentscheidung liegen demnach nun alle Voraussetzungen vor, die zumindest in der jüngsten Vergangenheit einen umkämpften Einlagenwettbewerb ausgelöst haben.

Besondere Bedeutung für Regionalbanken 

Sollte es zu einer erneut intensiven Phase des Einlagenwettbewerbs kommen, könnten besonders Regionalbanken – bestehend aus den Sparkassen und Genossenschaftsbanken –unter Handlungsdruck geraten. Sie verfügen nicht nur gegenwärtig über die höchsten Einlagenbestände, sondern sind auch traditionell die Angriffsfläche aggressiver Wettbewerber. Aufgrund ihrer Struktur sind sie auch besonders auf eine Refinanzierung über Einlagen statt über Kapitalmarkttransaktionen angewiesen. Und genau diese gestaltet sich, wie aktuelle Branchenzahlen beispielsweise des Bundesverbandes der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) belegen, bereits ohne die heutige Zinsentscheidung als zunehmend schwierig. Regionalbanken sind traditionell stark im Mengengeschäft mit Privatkunden sowie im mittelständischen Firmenkundengeschäft engagiert. Aufgrund der nun seit Jahren anhaltenden Rezession und der damit verbundenen Gewinneinbußen des Mittelstandes bauen deutsche Unternehmen tendenziell Liquidität ab, anstatt sie aufzubauen und müssen in das operative Geschäft investieren. Auch im Privatkundengeschäft führen einige Trends – exemplarisch die stark steigende Wertpapierkultur bzw. auch demografische Einflüsse – dazu, dass die Einlagen nicht mehr auf dem Niveau vergangener Jahre durch Neuersparnisbildungen wachsen. In der Konsequenz ist es im Jahr 2025 nur etwa jeder dritten Mitgliedsbank des BVR gelungen, das Kreditwachstum vollständig aus dem Einlagenwachstum zu refinanzieren. Da die meisten Regionalbanken über höhere Einlagen- als auch Kreditbestände verfügen, sind derartige Ungleichgewichte kurzfristig nicht unbedingt problematisch. Halten diese jedoch längerfristig an bzw. vergrößert sich dieses Ungleichgewicht, da neben den generell negativ auf das Einlagenwachstum wirkenden Trends nun auch noch wettbewerbsinduzierte Marktanteilsverschiebungen hinzukommen, könnten die Refinanzierungsstrategien einiger Regionalbanken auf eine echte Probe gestellt werden. 

 

Dr. Steven Kiefer ist Partner im Regionalbanking-Team von Simon-Kucher am Bürostandort Frankfurt. Als Mitglied der Banking Practice berät er deutschsprachige Regionalbanken zu den Themen Einlagen-, Kredit- und Zinsgeschäft. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf kunden- und ertragsorientierten Preis-, Produkt- und Vertriebsstrategien sowie der Optimierung von Zinsmargen im Einlagen-, Firmenkunden- und Baufinanzierungsgeschäft. Neben seiner Beratungstätigkeit begleitet er strategische Transformationsprozesse und untersucht in regelmäßigen Studien das Verhalten von Bankkunden im Zinsumfeld.

Hendrik Tacke ist Director im Regionalbanking-Team von Simon-Kucher am Bürostandort Frankfurt. Als erfahrener Projektleiter begleitet er Banken bei der Optimierung des Zinsgeschäfts, bei der Konditionsfindung mithilfe des Peer-Pricing-Ansatzes sowie bei der Konzeption und Umsetzung von Loyalitätsprogrammen. Dabei verbindet er fundierte Branchenexpertise mit einem klaren Blick für praxistaugliche Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfung im Retail- und Firmenkundengeschäft.

Jonathan Schöck ist Senior Manager im Regionalbanking-Team von Simon-Kucher am Bürostandort Frankfurt. Als erfahrener Projektleiter begleitet er Banken bei der Optimierung des Zinsgeschäfts sowohl auf der Aktiv- als auch Passivseite. Neben seinen Beratungsprojekten forscht er intensiv im Bereich der Künstlichen Intelligenz.

 

Über Simon-Kucher

Simon-Kucher ist eine globale Unternehmensberatung mit mehr als 2.200 Mitarbeitenden in über 
30 Ländern. Als verlässlicher Partner für Commercial Excellence unterstützen wir Unternehmen dabei, nachhaltiges und profitables Wachstum zu realisieren. Wir verbinden tiefgehende Beratungsexpertise mit Spezialisierung auf Wachstumsstrategien und technologischer Kompetenz, um messbare Ergebnisse zu erzielen. Wir optimieren sämtliche Hebel der kommerziellen Strategie – von Produkt, Pricing und Innovation bis hin zu Marketing und Vertrieb – konsequent ausgerichtet am Kundennutzen und der Zahlungsbereitschaft. Mit über 40 Jahren Erfahrung in der Monetarisierung gelten wir als weltweit führende Beratung für Commercial Growth und Pricing. 

simon-kucher.com

Press contact

Roxana Mueller
Communications & Marketing Manager | Cologne, Germany
Contact us

Our experts are always happy to discuss your issue. Reach out, and we’ll connect you with a member of our team.