Press Release

Zweifelhaftes Auktionsdesign: Warum der nationale CO₂-Emissionshandel kommunale Energieversorger bedroht

Millionenkredite, aggressive Überbietungswettbewerbe, umstrittene Weiterverkäufe. Dr. Thomas Haller, Energie-Experte der globalen Strategieberatung Simon-Kucher, erklärt, wie das nEHS-Auktionsdesign bei CO₂-Zertifikaten kommunale Energieversorger unter Druck setzt, weshalb die neue BEHG-Novelle kaum Abhilfe schafft und warum Kritik am CO₂-Preis der falsche Weg ist. 

München, 25. August 2026 – Als wäre die wirtschaftliche Sicherheit kommunaler Energieversorger eine unwichtige Randnotiz, zeigt der nationale CO₂-Emissionshandel solche Schwächen im Marktdesign, dass die Zwischenschaltung von Finanzinvestoren und überteuerte Weiterverkäufe aktuell eher an die Preistreiberei bei aufgekauften Konzerttickets erinnert. So beklagen kommunale Energieversorger zu Recht, dass sie trotz hoher Sicherheitsleistungen und erheblicher Liquiditätsbindung nur einen Teil der benötigten Zertifikate direkt sichern können. Der Kampf um die übrigen Zertifikate auf dem Sekundärmarkt führt zu erheblichem Beschaffungs- und Liquiditätsdruck.

Auch der vom Kabinett beschlossene Gesetzesentwurf zur BEHG-Novelle, der den CO₂-Preis für 2027 formal im Korridor von 55 bis 65 Euro stabilisieren soll, löst das Problem nicht. Er sichert den Preisrahmen, aber nicht automatisch den Marktzugang. Das System droht an der Praxis vorbeizulaufen. Denn wer Zertifikate zur Pflichterfüllung benötigt, konkurriert mit Akteuren, die vor allem auf Marktchancen setzen. 

Kommunalen Energieversorgern wird im Rennen um CO₂-Zertifikate ein Bein gestellt

Nicht der CO₂-Preis ist also das Problem, sondern ein Marktdesign, das Preisstabilität verspricht, aber Beschaffungsrisiken in die Stadtwerke verlagert. Während ein wirksames CO₂-Preissignal richtig und wichtig bleibt, schafft ein Preiskorridor allein keine ausreichende Planbarkeit. Entscheidend ist, dass BEHG-verpflichtete Unternehmen wie Stadtwerke nicht weiter gegenüber finanzstarken Marktakteuren benachteiligt werden. Konkret: Sie müssen Zertifikate rechtzeitig, vollständig und liquiditätsschonend beschaffen können. 

Das Auktionsdesign muss so nachgeschärft werden, dass Akteure mit realer Liefer- und Abgabeverpflichtung nicht ins Hintertreffen geraten. Das heißt auch: Sicherheitsleistungs- und Besicherungslogik überprüfen, Zugangshürden für verpflichtete Marktteilnehmer reduzieren und Sekundärmarktrisiken begrenzen. Sonst wird aus einem administrativen CO₂-Aufschlag eine marktnähere Risikoposition. Hier ist die Politik gefragt. Denn man darf von kommunalen Energieversorgern nicht erwarten, dass sie das Rennen um CO₂-Zertifikate gewinnen und ihnen gleichzeitig ein Bein stellen.

Stadtwerke müssen CO₂-Risiken in konkrete Kundenlösungen übersetzen

Aber Stadtwerke müssen auch selbst aktiv werden. CO₂ wird vom Compliance-Thema zu einer aktiven Portfolio- und Risikoposition. Sie müssen CO₂ künftig daher wie eine Commodity-Position steuern: mit klarer Beschaffungslogik, Pricing-Mechanik, Vertragsabsicherung, Risikoprämie und passender Kundenkommunikation. Im Kundendialog reicht „gesetzlich bedingt“ künftig nicht mehr aus. CO₂-Kosten müssen in konkrete Handlungsoptionen übersetzt werden  etwa Effizienz, Wärmelösungen, Ladeinfrastruktur, Grünstrom/PPA, Speicher oder Energiemanagement. Der größte Hebel liegt nicht im reinen Weiterreichen von Kosten, sondern darin, CO₂-Risiken in konkrete Kundenlösungen und belastbare Vertragslogiken zu übersetzen.

CO₂ ist Aufgabe der Geschäftsführung 

CO₂ ist dabei längst keine Fachabteilungsfrage mehr. Es wird zur Geschäftsführungsaufgabe. Wer hier keine klare Steuerungslogik etabliert, riskiert Margenverluste, Liquiditätsdruck und Vertrauensverlust bei Kunden. Zertifikatsmengen, Energie- und Gasbeschaffung, Erzeugungspositionen, Pricing, Vertragslogik und Kundenkommunikation müssen gemeinsam gesteuert werden. Besonders kritisch ist das Timing: Wenn CO₂-Kosten während der Vertragslaufzeit steigen oder Zertifikate teurer beschafft werden müssen als kalkuliert, entscheidet die Vertragsmechanik darüber, ob das Stadtwerk die Mehrkosten weitergeben kann — oder ob sie direkt Ergebnis und Liquidität belasten. Geschäftsführungen müssen deshalb jetzt festlegen, welche CO₂-Risiken sie selbst tragen, welche sie absichern und welche sie transparent an Kunden weitergeben.

Dr. Thomas Haller ist Senior Partner und globaler Leiter der Chemicals, Energy und Base Materials Practice der Strategieberatung Simon-Kucher in Wien. Sein Fokus liegt auf der Entwicklung von Gesamtstrategien, Aufbau neuer Geschäftsmodelle, Target Operating Model-Entwicklung und Transformation, Marketing- und Vertriebsstrategien, Pricing sowie die Entwicklung und Positionierung neuer Produkte im Energie- und Industriesektor. Zu seinen Kunden zählen nationale und internationale Energieversorger und Industrieunternehmen.

Vertiefende Informationen in Form von Interviews sind auf Anfrage möglich.

Über Simon-Kucher                                             

Simon-Kucher ist eine globale Unternehmensberatung mit mehr als 2.200 Mitarbeitenden in über 30 Ländern. Als verlässlicher Partner für Commercial Excellence unterstützen wir Unternehmen dabei, nachhaltiges und profitables Wachstum zu realisieren. Wir verbinden tiefgehende Beratungsexpertise mit Spezialisierung auf Wachstumsstrategien und technologischer Kompetenz, um messbare Ergebnisse zu erzielen. Wir optimieren sämtliche Hebel der kommerziellen Strategie – von Produkt, Pricing und Innovation bis hin zu Marketing und Vertrieb – konsequent ausgerichtet am Kundennutzen und der Zahlungsbereitschaft. Mit über 40 Jahren Erfahrung in der Monetarisierung gelten wir als weltweit führende Beratung für Commercial Growth und Pricing.

 

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Linda Katharina Klein (Communications & Marketing Manager)

Tel: +49 173 5381929
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