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Wie Netzzugang, Klarheit über Subventionen und die Kostenvolatilität Investitionsentscheidungen beeinflussen

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Wind Energie

Im zweiten Teil unserer Chemicals, Energy & Materials (CEM) – Serie zur neuen Studie 2025 zeigen wir auf, wie Energieverfügbarkeit, Subventionsklarheit und ausgereifte Infrastruktur die industrielle Standortlandschaft beeinflussen. Wir zeigen zudem, was dies für profitables Wachstum in einer fragmentierten globalen Energiewirtschaft bedeutet. 

Über Jahrzehnte hinweg basierte die Standortwahl industrieller Unternehmen auf drei Konstanten: Steuern, Arbeitskosten und Logistik. Gerade in Deutschland führte diese Formel zum Aufbau eines der weltweit führenden Industriestandorte. Doch diese Standortlogik gerät heute zunehmend ins Wanken – und zwar weit über Deutschland hinaus.

Europaweit überdenken energieintensive Unternehmen ihre Investitionsstrategien. Von Chemieclustern und Aluminiumherstellern bis hin zu Wasserstoffentwicklern und Rechenzentren verändern sich die Diskussionen auf Vorstandsebene: Haben wir Zugang zu sauberer, bezahlbarer Energie? Können wir eine gute Infrastruktur sicherstellen oder warten zu viele Engpässe auf uns? Sind wir wettbewerbsfähig – nicht nur in Europa, sondern global?

Von Energiekosten zu strategischen Einschränkungen

Bislang galt Energie für energieintensive Industrien primär als Kostenfaktor. Mittlerweile ist sie zu einer strategischen Rahmenbedingung geworden, die Investitionsentscheidungen maßgeblich beeinflusst.

Im Jahr 2024 betrug der durchschnittliche Industriestrompreis in Europa rund 19 Cent/kWh, während er in den USA bei weniger als 7 Cent/kWh lag. Ursache für diese erhebliche Differenz sind nicht nur Erzeugungskosten, sondern vor allem Abgaben, Netzentgelte und Steuern. In Deutschland machen diese Komponenten über 50 % der Energiekosten aus.

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Abbildung 1: Industriestrompreise 2024

Innerhalb Europas reagieren Unternehmen, indem sie Standorte nach Osten und nach Norden verlagern, wo erneuerbare Energien besser verfügbar und Netzbedingungen günstiger sind. Einige gehen sogar noch weiter und investieren komplett außerhalb Europas.

Diese Standortlogik spiegelt sich deutlich in der EU-Hydrogen-Bank-Auktion 2024 wider: Die Zuschläge gingen vor allem an Projekte in Spanien, Portugal und Skandinavien. Also vor allem Regionen, die mit guter Verfügbarkeit erneuerbarer Energien, schnellen Genehmigungen und einer wachsenden Infrastruktur punkten. Entsprechend lagen die Gebote mit 0,37 bis 0,48 €/kg auch weit unter der Auktions-Obergrenze von 1,35 €/kg.

In den USA wiederum beschleunigt der Inflation Reduction Act (IRA) die Entwicklung von Projekten. Er lockt mit einer klaren, attraktiven Subvention von 3 $/kg für sauberen Wasserstoff – unabhängig vom Produktionsverfahren oder Standort.

Unternehmen wie Air Products, Plug Power und Linde reagieren darauf mit massiven Investitionen in neue Anlagen in Nordamerika.

So plant beispielsweise BASF, 23 % ihrer Investitionen von 2025 bis 2028 in Nordamerika zu tätigen, motiviert durch niedrigere Energiekosten und eine transparentere regulatorische Umgebung.

Infrastruktur als entscheidender Standortfaktor

Saubere Energie allein ist nicht mehr ausreichend. Unternehmen erwarten heute umfassende Infrastrukturbedingungen: einen zuverlässigen Netzanschluss, eine gesicherte Wasserversorgung, schnelle Genehmigungsprozesse und einen stabilen Zugang zu den Abnehmern. 

Diese Anforderungen übersteigen deutlich die tariflichen und subventionsbezogenen Überlegungen. Unternehmen prüfen zunehmend kritisch, wo sie langfristigen Zugang zu emissionsarmer Energie erhalten. Dort möchten sie ohne Verzögerungen ihre Produktionsstätten anschließen können. Entscheidungsrelevant ist vor allem, welche Standorte schnell genug von der Planung zur Umsetzung übergehen und dadurch Erstinvestoren Sicherheit bieten.

Ein konkretes Beispiel: ArcelorMittal stornierte kürzlich sein milliardenschweres Wasserstoff-Stahlprojekt in Eisenhüttenstadt. Die Gründe dafür waren hohe Energiepreise, schleppende Genehmigungsverfahren und unsichere kommerzielle Rahmenbedingungen.

Im Jahr 2025 stieg BASF aus ihrer 49-prozentigen Beteiligung an den Offshore-Windparks Nordlicht 1 und 2 aus und verkaufte sie mit einem Verlust von 300 Millionen Euro zurück an Vattenfall. Anstelle von direktem Eigentum entschied sich BASF für langfristige Stromlieferverträge aus erneuerbaren Energiequellen, was eine strategische Neuausrichtung hin zu mehr Flexibilität widerspiegelt. Dieser Schritt verdeutlicht: Industrieunternehmen überdenken, wie sie saubere Energie beschaffen. Risiken aus Infrastrukturinvestitionen werden sehr genau gegen Nachfrageausrichtung und Investitionsdisziplin abgewogen.

Viele europäische Unternehmen verlagern daher zunehmend ihre industriellen Investitionen in die USA, insbesondere in den Bereichen Chemie-, Halbleiter- und Batteriezellenproduktion – angezogen durch niedrigere Energiekosten und starke politische Anreize. Seit 2022 ist dabei eine deutliche Zunahme der transatlantischen Investitionsströme zu beobachten.

Entscheidend ist häufig nicht nur, ob eine Region Skaleneffekte verspricht, sondern wie schnell sie diese auch tatsächlich umsetzen kann.

Energetische Resilienz vs. Autarkie – ein neuer strategischer Kompromiss

Energiesicherheit ist für Entscheider zum Schlüsselthema geworden. Allerdings unterscheiden sich die Strategien zur Umsetzung deutlich:

Einige Unternehmen setzen auf Resilienz durch flexible Energiebeschaffung, regionale Diversifikation und Redundanzen im Netz. Andere verfolgen eine Strategie der Autarkie mittels regionaler Erzeugung erneuerbarer Energien und teilautarker Betriebsmodelle.

Gerade die nordischen Länder überzeugen mit einer Netzzuverlässigkeit von über 99,99 %, dank Wasserkraft und Windenergie. Unternehmen wie Google und Meta bevorzugen deshalb diese Region für ihre neuen Rechenzentren – nicht primär wegen Steuervorteilen oder günstigen Arbeitskosten, sondern aufgrund der Netzstabilität, einer transparenten CO2-Bilanzierung und schneller Genehmigungsverfahren. 

Neue Kriterien für industrielle Standortentscheidungen

In sämtlichen CEM-Bereichen verändert sich die Entscheidungslogik bezüglich des industriellen Footprints. Anstelle von Fragen wie „Wo sind die Arbeitskosten am niedrigsten?“ oder „Welches Land bietet die günstigsten Steuersätze?“ stellen Unternehmen heute folgende Fragen:

  • Befinden wir uns in einem Versorgungsnetz, das Elektrifizierung und Skalierung von Wasserstoff unterstützt oder diese behindert?

  • Werden zukünftige regulatorische Kosten oder physische Einschränkungen heutige Einsparungen bedeutungslos machen?

  • Können wir Abnahmevereinbarungen, Anreize und Infrastruktur sicherstellen, die neue Investitionsvorhaben (CAPEX) wirtschaftlich tragfähig machen?

Für Führungskräfte, die sich mit diesen Fragestellungen beschäftigen, ist die Standortwahl zwar eine Herausforderung, doch strategische Positionierung in einer energiebegrenzten Wirtschaft hat oberste Priorität.

Drei entscheidende Verschiebungen in der Standortlogik und wie Simon-Kucher Sie dabei unterstützen kann:

1. Infrastruktur als entscheidender Wettbewerbsfaktor

Von der verfügbaren Anschlussleistung bis zu Abnahmeverträgen wird die physische Infrastruktur zunehmend zu einem entscheidenden Faktor. Dabei ist Geschwindigkeit in der Umsetzung wichtiger als theoretisches Potenzial.

2. Energiekosten im Vergleich zur regulatorischen Planungssicherheit

Niedrige Stromgestehungskosten (LCOE) sind zwar attraktiv, doch für viele Unternehmen ist inzwischen Planungssicherheit hinsichtlich Subventionen, Genehmigungen und Infrastruktur wichtiger. Daher ziehen umfassende politische Rahmenbedingungen, wie etwa der Inflation Reduction Act (IRA) in den USA, vermehrt Kapital an.

3. Standortwahl im Einklang mit dem Netzausbau

Energiesicherheit bedeutet mehr als nur eine diversifizierte Energieversorgung. Unternehmen benötigen Standorte, deren langfristige Dekarbonisierungsziele durch entsprechende Netzkapazitäten und regulatorische Umsetzung unterstützt werden.

Simon-Kucher unterstützt Unternehmen aus der Chemicals, Energy & Base-Materials, ihre Energie- und Infrastrukturgegebenheiten optimal mit Marktchancen zu verknüpfen. Dadurch helfen wir Ihnen, Volatilität in Wertschöpfung und Komplexität in Klarheit umzuwandeln. Kontaktieren Sie noch heute unsere Experten, um zu erfahren, wie wir Sie bei der Entwicklung robuster und zukunftsfähiger Systeme unterstützen können.

Während Infrastruktur, Standortwahl und Zugang zu Energie die Angebotsseite nachhaltiger Investitionen bestimmen, bleibt die Nachfrageseite oft die größere Herausforderung. Wenn regulatorische Maßnahmen hinterherhinken und reine Förderanreize nicht ausreichen, liegt der Schlüssel zum Erfolg darin, die Nachfrage aktiv zu gestalten, anstatt sie lediglich vorauszusehen. Im nächsten Teil unserer CEM-Serie zeigen wir Ihnen, wie Vorreiter (von Carbon-Capture-Startups bis hin zu Anbietern nachhaltiger Werkstoffe) mit unsicheren Marktsignalen umgehen, strategische Partnerschaften eingehen und überzeugende Geschäftsmodelle für nachhaltige Produkte aufbauen.

Unsere kommende Chemicals, Energy & Materials Study 2025 untersucht darüber hinaus, wie führende Industrieunternehmen den Zugang zu Energie, Standortstrategien und Infrastruktur priorisieren und welche Vermarktungsstrategien sich dabei besonders erfolgreich bewähren.  

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