Press Release

Einordnung der Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank vom 10. September 2026: Regionalbanken unter Zugzwang?

Was sich bereits mit der Zinserhöhung vom Juni 2026 andeutete, wird mit der heutigen Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) zur Gewissheit. Anders als noch zu Jahresbeginn 2026 erwartet, wird das Zinsumfeld voraussichtlich längere Zeit eher steigen als fallen. An den Terminmärkten liegt die eingepreiste Wahrscheinlichkeit für mindestens eine weitere Zinserhöhung bis Jahresende bereits bei fast 70 Prozent.

Anpassungen der Leitzinsen haben bekanntlich meist große Auswirkungen auf den Bankensektor. Dr. Steven Kiefer, Hendrik Tacke und Jonathan Schöck von der globalen Strategieberatung Simon-Kucher zeigen auf, warum die heutige Entscheidung insbesondere Regionalbanken aus den Sektoren der Volks- und Raiffeisenbanken sowie der Sparkassen unter Zugzwang setzen könnte. 

Frankfurt, 10. September 2026 – Mit der heutigen Zinsentscheidung ist die Einlagenfazilität der EZB auf 2,50 Prozent gestiegen. Ein vergleichbares Niveau wurde in einer Phase steigender Zinsen zuletzt Ende 2022 erreicht. Was darauf folgte, ist bekannt: Das erste Halbjahr 2023 entwickelte sich zu einer äußerst intensiven Phase des Wettbewerbs um Kundeneinlagen. Ein ähnliches Muster könnte sich nun wiederholen. Entscheidend dafür sind jedoch nicht allein die steigenden Refinanzierungskosten der Banken, sondern vor allem die Reaktionen der Sparer.

Nicht zufällig, sondern aus systematischen Gründen, wie zahlreiche Studien von Simon-Kucher zum Verhalten von Sparern seit dem Jahr 2022 belegen konnten. Einerseits, da sich in Phasen steigender Zinsen auch die Refinanzierungskonditionen von Banken und Sparkassen erhöhen und demnach das Einlagengeschäft mit als günstige Refinanzierungsmöglichkeit in solchen Phasen an strategischer Bedeutung gewinnt. Wichtiger für die Entwicklung der ersten Jahreshälfte 2023 war jedoch das Nachfrageverhalten von Sparern. Bereits die aktuellen Bundesbankdaten für das Jahr 2026 deuten hier eine Wiederholung an, die sich aufgrund weiterer Zinserhöhungen verschärfen könnte. 

Zinsschwellen entscheiden über die Wechselbereitschaft

In mehreren Studien und durch den Einblick in Daten aus mehr als 40 Instituten konnte Simon-Kucher für die Reaktion insbesondere von Privatkunden auf Zinsveränderungen drei Nachfragebereiche nachweisen. Bis etwa 1,5 Prozent bleibt die Reaktion auf höhere Zinsen oder Lockangebote meist gering – der finanzielle Anreiz reicht häufig nicht aus, um bestehende Trägheit zu überwinden. Zwischen ca. 1,5 und 3,0 Prozent verändert sich das Bild deutlich: Werden relevante Preisschwellen überschritten, kann die Wechselbereitschaft zinssensitiver Kunden sprunghaft steigen und es zu größeren Verschiebungen von Beständen im Wettbewerb kommen. Die größte Signalwirkung ist um die Schwelle von 3,0 Prozent zu beobachten. Oberhalb dieses Niveaus nimmt der zusätzliche Effekt weiterer Zinserhöhungen hingegen deutlich ab. Für Banken folgt daraus eine zentrale Erkenntnis: Mehr Zins führt nicht automatisch zu mehr Einlagen. Entscheidend ist, ob ein Angebot eine für den Kunden relevante Wahrnehmungs- und Wechselbarriere überschreitet.

Zwar stehen deutschen Sparern bereits seit Monaten attraktive Angebote oberhalb der Zinsschwellen zur Verfügung – etwa durch neue Marktteilnehmer wie CHASE der amerikanischen Großbank JP Morgan. Für die Wechselbereitschaft ist jedoch nicht allein entscheidend, welcher Zinssatz irgendwo am Markt angeboten wird. Entscheidend ist, welches Zinsniveau Kunden allgemein als fair, realistisch und erreichbar wahrnehmen. Genau hier entfalten die Entscheidungen der EZB eine zusätzliche Wirkung: Sie verändern nicht nur die tatsächlichen Marktzinsen, sondern auch die Erwartungen der Sparer. Steigt diese allgemeine Zinswahrnehmung über relevante Schwellen, können auch bislang träge Kundengruppen in Bewegung geraten.

Regionalbanken unter Zugzwang

Gerade Regionalbanken sind in dieser Situation besonders exponiert. Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken verfügen traditionell über hohe Einlagenbestände. Anders als bei vielen Direktbanken wurden diese jedoch meist nicht über besonders attraktive Zinsen aufgebaut. Für Regionalbanken sind Einlagen tendenziell ein Nebeneffekt der Positionierung als Hausbank und demnach ein „Anhängsel“ der Kundenbeziehung. Kurz gesagt: Wer das Gehaltskonto eines Kunden führt, verwaltet als Nebeneffekt häufig auch einen großen Teil des verfügbaren Kontoguthabens. Diese Kombination aus hohen Beständen und einer im Wettbewerbsvergleich tendenziell niedrigeren Verzinsung macht Regionalbanken damit zur natürlichen „Zielscheibe“ offensiv auftretender Wettbewerber wie Direktbanken, Neobanken oder Großbanken.

Sofern die kommenden Monate des Einlagengeschäftes tatsächlich wieder zu einer Phase des intensiven Wettbewerbs werden sollten, was erste Datenpunkte bereits vermuten lassen, dürften einige Regionalbanken in Zugzwang geraten. Zwischen Januar 2022 und Dezember 2025 stieg der gesamte Einlagenbestand in Deutschland um rund 17 Prozent. Die Volks- und Raiffeisenbanken kamen im gleichen Zeitraum lediglich auf ein Wachstum von elf Prozent, die Sparkassen auf sieben Prozent. Beide Sektoren haben damit bereits Marktanteile im Einlagengeschäft verloren. Sollte sich der Wettbewerb in den kommenden Monaten weiter intensivieren, dürfte der Handlungsdruck entsprechend steigen.

In der Konsequenz der Marktanteilsverschiebungen hat sich die Anzahl jener Regionalinstitute in Deutschland, welche über höhere Kredit- als Einlagenbestände verfügen und die entstehende „Passivlücke“ demnach besonders teuer über Interbankengeschäfte refinanzieren müssen, bereits deutlich erhöht. Ende des Jahres 2021 verfügte nur jede fünfte Regionalbank über höhere Kredit- als Einlagenbestände. Ende des Jahres 2025 war es bereits fast jede dritte. Wenn man bedenkt, dass im ersten Halbjahr 2026 der Einlagenbestand in Deutschland laut der Statistik der Deutschen Bundesbank gegenüber Dezember 2025 um ca. 1,3 Prozent gestiegen und gleichzeitig die Sparkassen und Genossenschaftsbanken jeweils ca. 0,4 Prozent verloren haben, dürfte sich diese Situation nochmals verschärft haben. Zumindest standen zum Ende des Jahres 2025 weitere zehn Prozent aller Regionalinstitute bilanziell an der Schwelle von der Passiv- zur Aktivlastigkeit.

Auch wenn sich viele Entwicklungen des ersten Halbjahrs 2023 derzeit wiederholen, ist die Situation dennoch eine andere. Anders als 2023 haben die Regionalbanken bereits einige Marktanteilsverluste hinnehmen müssen und ihren Puffer in vielen Fällen aufgebraucht. Die in der vergangenen Zinswende häufig verfolgte Strategie, steigende Marktzinsen nur unterproportional an Bestandskunden weiterzugeben und dafür bewusst gewisse Abflüsse zu akzeptieren, lässt sich daher nicht beliebig fortsetzen. Gerade aktivlastige Institute werden in einem steigenden Zinsumfeld aus Kostengründen stärker auf Einlagenwachstum angewiesen sein. 

Entgegen der allgemeinen Tendenz von Marktanteilsverlusten haben einige Regionalbanken bewiesen, dass Wachstum und Profitabilität auch im Einlagengeschäft kein Widerspruch sind. Eine umfassende Simon-Kucher Analyse von mehr als 400 Jahresabschlüssen von Regionalbanken zeigt, dass rund 25 Prozent der Institute trotz unterdurchschnittlicher Zinsaufwendungen im Vergleich ein überproportionales Wachstum im Einlagengeschäft haben erzielen konnten. Wachstum und Profitabilität sind im Einlagengeschäft also kein Widerspruch. Entscheidend ist, unterschiedliche Zinssensitivitäten gezielt zu adressieren und Preise sowie Produkte entsprechend zu differenzieren. Wer dagegen allen Kunden gleichermaßen höhere Zinsen zahlt, riskiert vor allem eines: unnötig Marge abzugeben.

 

Dr. Steven Kiefer ist Partner im Regionalbanking-Team von Simon-Kucher am Bürostandort Frankfurt. Als Mitglied der Banking Practice berät er deutschsprachige Regionalbanken zu den Themen Einlagen-, Kredit- und Zinsgeschäft. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf kunden- und ertragsorientierten Preis-, Produkt- und Vertriebsstrategien sowie der Optimierung von Zinsmargen im Einlagen-, Firmenkunden- und Baufinanzierungsgeschäft. Neben seiner Beratungstätigkeit begleitet er strategische Transformationsprozesse und untersucht in regelmäßigen Studien das Verhalten von Bankkunden im Zinsumfeld.

Hendrik Tacke ist Director im Regionalbanking-Team von Simon-Kucher am Bürostandort Frankfurt. Als erfahrener Projektleiter begleitet er Banken bei der Optimierung des Zinsgeschäfts, bei der Konditionsfindung mithilfe des Peer-Pricing-Ansatzes sowie bei der Konzeption und Umsetzung von Loyalitätsprogrammen. Dabei verbindet er fundierte Branchenexpertise mit einem klaren Blick für praxistaugliche Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfung im Retail- und Firmenkundengeschäft.

Jonathan Schöck ist Senior Manager im Regionalbanking-Team von Simon-Kucher am Bürostandort Frankfurt. Als erfahrener Projektleiter begleitet er Banken bei der Optimierung des Zinsgeschäfts sowohl auf der Aktiv- als auch Passivseite. Neben seinen Beratungsprojekten forscht er intensiv im Bereich der Künstlichen Intelligenz.

 

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Roxana Mueller
Communications & Marketing Manager | Cologne, Germany
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